Aus der Feder geflossen - Kurzgeschichten zum Nachdenken
08.09.2026 · Berlin
KI-generiert / modifiziert
Jenseits der Grenze - die Reise einer Seele durch die Nacht

Prolog
Eigentlich sollte man da aufhören, wo es am schönsten ist. Das wird jedenfalls immer behauptet. Doch woher weiß ich denn, wann genau der Zeitpunkt ist, an dem ich genau im Hier und Jetzt am glücklichsten Zeitpunkt meines Lebens angelangt bin und warum sollte ich genau im höchsten Glück etwas beenden, von dem ich so lange gebraucht habe, um es zu erreichen?
Was ist überhaupt Glück?
Ist es etwas Reelles, etwas, das wirklich existiert oder ist es am Ende doch bloß eine Lüge, eine Metapher für Zeiten im Leben, welche uns vorzugaukeln versuchen, besser zu sein, als andere Phasen, Phasen, die wir vielleicht, ohne es wahrhaben zu wollen brauchen, um überhaupt irgendwann einen Zustand des Glücks erleben zu dürfen?
Doch vielleicht hält man sich ja selbst zum Narren, wenn man einzig und allein auf der Suche nach dem wahren Glück im Leben ist.
Ist nicht eigentlich schon die Vorstellung, es gäbe das wahre Glück, vollkommen utopisch? Doch wenn man sich nicht auf die Suche nach der Vollkommenheit, nach dem Sinn des Lebens macht, wenn man immer nur auf der Stelle verharrt und versucht, sich mit etwas abzufinden, was man hat, aus Angst, dass das was danach kommt eventuell schlechter sein könnte, wie sollte man dann jemals herausfinden, ob noch etwas anderes existiert, als zeitlich begrenzte und nur fälschlicherweise als Glück interpretierte positive Phasen im Leben?
Ist nun die Suche nach dem Vollendeten nur eine feige Flucht aus dem ansonsten so trist wirkenden Leben oder spricht sie eher vom unendlichen Mut der Person, welche sich auf die Suche begeben hat?
Meine Suche hat genau dort geendet, wo sie auch begonnen hat, doch hätte ich ohne diese Suche wohl nie begriffen, dass ich dort, wo ich von jeher zu Hause war auch schon immer der glücklichste Mensch der Welt gewesen bin.
Sommer 2004: „Moin, hast du was zu rauchen?“ Vor mir steht eine männliche Gestalt, deren Alter ich auf Grund ihres desolaten Zustandes nur wage einschätzen kann. Es mögen um die dreißig Jahre sein, die er zählt, doch vielleicht sind es auch viel weniger. Teile seiner Arme hat er mit dicken Mullbinden umwickelt; die Stellen, an denen noch blanke Haut zu sehen ist, sind über und über mit blauen Flecken, Narben und schlecht verheilten Abszessen bedeckt. Ich bin vorsichtig, heute scheint kein guter Tag zu sein. Eine unerklärliche Beklommenheit schnürt mir die Kehle zu, ich fühle mich unbehaglich, irgendetwas ist heute anders. „Komm mit“ sage ich zu dem Mann mit den stumpfen Augen, dessen krumme Körperhaltung darauf schließen lässt, dass es höchste Zeit ist, sich Gedanken zu machen. Gedanken darüber, wie er seine sterbliche Hülle innerhalb der nächsten Stunden davon abhalten kann, vollständig zu zerfallen. „Wie viel brauchst du?“ frage ich ihn auf dem Weg die Treppen zur Unterführung der U-Bahn hinunter. „’N Pfund“, antwortet er. Ich schaue mich um, die Luft scheint rein zu sein und ich greife in meine Unterhose, hole ein 2 Gramm schweres in Frischhaltefolie gewickeltes Stück Haschisch hervor. „Das Geld!“ fordere ich ihn auf. Er fängt an, umständlich in seinen Taschen zu wühlen, um mir schließlich einen vollkommen zerknüllten 20 - Euroschein in die Hand zu drücken. Prima, denke ich mir, geht es vielleicht noch ein bisschen auffälliger? Ich gebe ihm den braunen Klumpen. „Das wird ja immer weniger“, meckert er wie jedes Mal. Ich wende mich zum Gehen. „Warte“, ruft er. „Wisste wer Ruppies hat?“ „Wie viele brauchst du?“ frage ich. „Fünf“, entgegnet er. Erneut greife ich in meine Unterwäsche und fördere fünf Rohypnol zu Tage. „Machste sechs für´n Zehner?“, fragt er? Ich muss zustimmen, sonst geht er zu jemand anderem. Sind heute genug Leute hier, die Ruppies haben und die aus purem Konkurrenzdruck heraus immer mehr für immer weniger Geld rausgeben. Wieder wühlt er in seinen Taschen und fördert eine Hand voll Kleingeld zu Tage. Er fängt an, mir die Münzen in die Hand zu zählen. „Beim nächsten Mal verkauf ich dir dafür nichts“, schimpfe ich, fühle mich beobachtet. „Schuldigung“, nuschelt er durch, für sein Alter auffallend lichte Zahnreihen. Die Münzen sind klebrig. Ich stecke sie nur mit Ekel in die Tasche. Muss sie demnächst wechseln gehen, denke ich und steige die Stufen am Kottbusser Tor wieder hinauf.
In der Luft liegt ein Geruch, ein Gestank, den die eigene getrübte Wahrnehmung längst nicht mehr aufnehmen kann. Die Sinne sind abgestumpft. Hier, am Rande allen Lebens, inmitten einer am Abgrund stehenden Meute von Menschen, die anders sind als der Rest der Welt, nimmt man diesen Geruch nach Tod und Verderben jedoch längst nicht mehr wahr.
Um diesen imaginären Kreis der Einsamkeit tobt das Leben. Südländisch anmutende Marktschreier preisen ihre Waren an, Menschen eilen aus überfüllten U-Bahnen in, mir als zähe Masse erscheinender, stupider Monotonie an uns vorbei. Nein, diese Leute sind nicht wie wir. Diese Menschen sind anders, nicht im positiven Sinne anders, nein, diese Leute sind bemitleidenswerte Kreaturen, welche ihr wertloses kleines Drecksleben damit vergeuden, jeden Tag aufs Neue derselben stumpfsinnigen Beschäftigung nachzugehen. Fünfzig Jahre lang, tagaus, tagein, bis am Ende die lang ersehnte Rente erreicht ist. Und dann? Was folgt danach? Ein endloses Laufen von Arzt zu Arzt, um die Krankheiten aufzuhalten, welche von nun an in regelmäßigen Abständen zuverlässig neue Anzeichen des herbeieilenden Todes ankündigen.
Nein, ein solches Leben zu führen kann sich niemand unter uns auch nur im Geringsten vorstellen, es möchte sich auch keiner vorstellen können, denn jeder ist so sehr damit beschäftigt, seinen eigenen Arsch an die Wand zu bringen, das für derartige Gedanken einfach keine Zeit ist.
„ABHAUEN…DIE BULLEN!“ schreit jemand…
Abrupt werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich versuche instinktiv eine andere Richtung, als der Rest der abgehärmten Druffies, welche eben noch lässig im Kreis herum standen, einzuschlagen und mich unauffällig unter den vorbeiziehenden Pulk der „Normalos“ zu mischen. Kreischendes Quietschen, lautes Geschrei, klickende Handschellen, Sirenen heulen und gerade als die Tür der U-Bahn lärmend zuschlagen will, werfe ich mich in den abfahrenden Zug. Puh, da bin ich wohl gerade noch einmal davongekommen. Ich schaue mich um. Wo ist er? Scheiße, hoffentlich haben sie ihn nicht erwischt. Ich muss noch einmal zurück auf den von mir so sehr gehassten Platz. Nachdem ich eine Runde mit der Bahn gefahren bin, wobei ich die Linien so gewechselt habe, dass ich an der Haltestelle der Hochbahn aussteigen konnte, von welcher aus man das Treiben auf dem Platz voller berauschter Menschen, blutbeschmierter Hauseingänge, mit Spritzen übersäter Wege und momentan auch voller Polizei, hat, verschaffe ich mir einen Überblick über die momentane missliche Lage.
Da steht er, in Handschellen an eine grün-weiße Minna gelehnt. Die Hände liegen auf dem Dreckskarren, die Beine sind gespreizt und ein mächtig arrogant wirkender Jungbulle daneben. Hoffentlich ist er sauber, müsste er eigentlich, den Bunker habe ja, wie meistens, ich. Deshalb halte ich mich auch in der Regel etwas abseits auf und führe als unbescholtener Bürger meinen Hund spazieren. Ich sollte mich besser aus dem Staub machen, denn wie ein unauffälliger Schmusetiger kommt mein weißes Schweindl nun auch nicht gerade daher. Ich muss eh los. Nachschub besorgen, haben genug verdient für heute. Sollte ihn nicht warten lassen, wenn er…falls er nach Hause kommt. Falls nicht, stehe ich wieder allein da, täglich mit Richtern verhandelnd und verzweifelt jeden verdammten Tag aufs Neue ums nackte Überleben kämpfend.
Leere Augen starren aus dem Waggon, die vorbeiziehenden Bahnhöfe nehmen diese Augen nicht wahr. Rumpeln, Leute steigen ein, Leute steigen aus, rumpeln.
Angst und Wut beherrschen die Gedanken des Mädchens, nein, mittlerweile der jungen Frau, welche apathisch auf dem Weg durch die schwarzen Röhren ist, welche den Boden unter der Stadt zerfressen haben wie Ungeziefer. Denn tatsächlich lebt hier doch nichts als Abschaum, Ratten, welche mit dem Elend der Anderen ihr Geld verdienen wollen. Sie steht auf, steigt aus, muss telefonieren. Dazu braucht sie ein Münztelefon. Von Tag zu Tag findet man weniger von diesen nützlichen Dingern. Sie ist im Besitz eines Handys, natürlich hat sie ein Handy, ohne wäre sie in ihrem „Beruf“ aufgeschmissen. Doch Handys sind Fallen, passt man ein Moment nicht auf, schnappen sie böse zu und nehmen dir alles weg. Kabuum…alles im Arsch. Man muss vorsichtig sein in der heutigen überwachten Zeit.
Abwesend wählt sie eine Nummer: „Hi, Ali, ich bin es, wo bist du?“ …“Komme Friedrichstraße, 20 Minuten“ … klack.
Wieder schwarze Röhren, Bahnhöfe, Röhren, Bahnhöfe, Friedrichstraße. Die junge Frau mit dem gefährlich anmutenden Bullterrier an der Leine steht auf, steigt aus und setzt sich auf eine Bank, wartet. Zwei junge Männer, höchstens zwanzig Jahre alt, kommen sich auf Arabisch unterhaltend auf sie zu, begrüßen sie mit einer Umarmung, wie eine gute alte Freundin.
Sie gibt dem Größeren von beiden Geld, er ihr ein paar bunte Kugeln, welche er in seinem Mund versteckt hatte. Sie wischt die Kugeln an ihrer Hose ab um sie dann ebenfalls unter ihrer Zunge verschwinden zu lassen. Sie muss aufpassen, hat momentan genug verbotene Dinge bei sich, um locker ein paar Jahre hinter Gitter zu wandern, sollte sie von einer Streife aufgegriffen werden. Bewährung hat sie bereits drei Monate auf drei Jahre. Doch das tangiert sie nicht, gehört schließlich zum Alltag, ist schon jahrelang nicht anders. Sie steigt wieder in den Zug, fährt durch weitere Tunnel … Oranienburger Tor … Stadtmitte … Reinickendorfer Straße … Wedding … Leopoldplatz …sie steigt aus. Wechselt die Linie. Fährt nun mit der U9 in Richtung Osloer Straße. Wieder Tunnel, Nauener Platz … Osloer Straße, Endstation. Jedoch nicht für sie. Sie steigt noch einmal um, diesmal in die 8. Nicht mehr weit nun, die Zeit zieht sich, zieht sich zäh hinter ihr her … die Gedanken kreisen, lassen sich jedoch nicht fassen, verschwimmen im Wust aus Verzweiflung. Endlich, aussteigen. Nur noch zehn Minuten Fußweg. Meistens liest sie während des Laufens ein Buch, doch nicht heute, heute ist sie nicht in der Lage zu lesen, heute ist sie einfach nur traurig.
Erleichtert lasse ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen, begrüße Kater „Trójka“,der sich wie jeden Abend über die Heimkehr seiner Hundefreundin „Fides“ freut und füttere die Raubtierkompanie.
Auf dem Herd liegt bereits der Löffel. In Gedanken ganz woanders, gebe ich ein wenig Asco, also Vitamin C Pulver auf den Löffel, packe meine Kügelchen aus und gebe das bräunliche, zum Vorschein kommende Pulver hinzu, drehe den Herd an und lasse das Ganze leicht karamellisieren. Dann etwas Wasser drüber. Nebenbei wird der Filter einer Zigarettenhülse zerpflückt. Durch diesen ziehe ich die Flüssigkeit mit einer Spritze vom Löffel.
Ich setze mich auf die Couch, binde mir ein Stauband um den Arm und stochere einmal, zweimal, achtmal in meinen Armen und Beinen herum, bis sich eine einigermaßen brauchbare Vene gefunden hat. Blut tropft auf den Teppich, egal, ich habe getroffen, drücke ab und eine wahnsinnig angenehme Wärme durchflutet meinen, mittlerweile nun doch schon recht entzügigen Körper. Es tut gut, so gut, wie die Medizin durch sämtliche Gefäße rinnt.
Glücklich knicke ich weg und werde erst wieder wach, als sich der Schlüssel im Türschloss dreht. „Hey Jola“. Lukas ist zu Hause.
Ich bin froh, dass es nicht schon wieder passiert ist. Das ich nicht wieder die ganze Nacht hindurch warten muss, kommt er, kommt er nicht? Was passiert als nächstes? Klingelt es? Steht die Polizei vor der Tür? Wohin mit dem Dope? Ja, ich bin ehrlich froh, dass er wieder bei mir ist. Ich gebe ihm von der Medizin. Er schläft im Stehen ein, den Fuß auf dem Küchenschrank, Kopf auf dem Knie. Es ist, wie es jeden Abend ist, wenn wir von der Arbeit kommen, abdrücken, abknicken, aufwachen, Nachschub.
Ich mische zwei Tüten Haribo Pico Balla https://link.amazon/B03MvEs6c mit einer Tüte M&M´s Crispy https://link.amazon/B06h3KTaw und stelle die Schüssel auf den Tisch. Abendessen ist fertig. Dann hole ich eine gläserne Wasserpfeife hervor. Wir rauchen ein paar Köpfchen Gras und legen uns aufs Bett. Die Schüssel mit den Süßigkeiten ist im Nu leer. Zärtlichkeiten oder gar Sex gibt es selten. Die Droge raubt die Lust auf derlei Gefühle. Man braucht sie nicht, vermisst sie nicht. Als gäbe es einen Knopf, auf den jemand gedrückt hat, um sie abzuschalten. Weg, futsch, basta.
Meine Gedanken verlieren sich im Rausch, fangen an, andere Formen anzunehmen. Mein Herzschlag wird schneller. Alles kreist um mich herum. Das Haus fängt an zu schwanken, mein Magen ist damit nicht einverstanden. Mein Gehirn schon gar nicht. Es spielt mir Streiche. Panik steigt auf, wandert von der kleinen Zehe durch meinen Körper bis sie als kalter Angstschweiß langsam von meiner Stirn perlt. Ich werfe mich unruhig hin und her. Habe den Tod vor Augen, weiß, dass, wenn ich diesem Lebensstil noch länger treu bleibe, ich schon sehr bald sterbe. Ich kann es spüren, kann IHN spüren, er will mich holen, streckt seine eisigen Pranken nach mir aus, wie weiße Nebelschwaden, die plötzlich aus völliger Dunkelheit auftauchen und versuchen, mich einzuhüllen wie in ein Leichentuch. Schreiend schrecke ich auf. Wie bin ich hier her gekommen? Was mach ich hier?
So vergeht das Leben, ohne, dass man die Zeit bemerkt, die Zeit, die verrinnt wie im Flug. Die Stunden, die Tage, die Monate. Auf einmal ist es zehn Jahre später und du weißt nicht, wohin diese kostbaren Momente verschwunden sind. Du hast keine prägenden Erinnerungen an die Zeit. Nichts ist passiert, nichts von Bedeutung, keine großen Ereignisse wie Reisen, Hochzeiten oder Feste. Es ist eine Zeit voller Leere, auf die man zurückblickt. Eine Zeit voller Leere und doch auch eine Zeit des unendlichen Leides. Doch man empfand dieses Leid nicht als solches, nicht damals, nicht ein einziges Mal all die vielen Jahre lang.
Dieser Ausschnitt aus der Biografie einer jungen Frau, sollte anfangs einmal ein Buch werden, aber die "Realitätäretääät" lässt den Entwurf schon seit zehn Jahren in meiner Schublade vor sich hin schimmeln.
Damals war das Interview Teil meiner Bachelorarbeit zum Thema "Substitution in Deutschland - zur Problemlage des akzeptierenden Ansatzes."
Was wir dabei hatten
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