Großstadtgeflüster

06.09.2026 · Leipzig

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Leipzig, 05.09.2026

Großstadtgeflüster

Jubiläumstour 23 2/3 Jahre und 1000 Tonnen Glück

Ein kaputter Fuß und die Kunst, nicht zu passen - (K)ein klassischer Konzertbericht

Dass es eine ziemlich schlechte Idee ist, mit einem kaputten Zeh auf ein Konzert zu gehen, ist vermutlich allen Beteiligten klar. Mir auch! Vernunft ist allerdings ein Konzept, das ich lediglich theoretisch hervorragend beherrsche. Praktisch arbeitet mein Gehirn meistens mit einer anderen Unternehmensstrategie.

Also bin ich gesprungen. Erst auf einem Bein, dann auf beiden. Nicht elegant, nicht vernünftig aber mit jeder Menge Spaß!

Warum kaputt? Nach dem Megamarsch in Berlin letzte Woche, war noch alles bestens. Am nächsten Tag allerdings, nach fast 24 Stunden Schlaf, war mein Fuß leicht geschwollen. Seit letzter Nacht puckert mein großer Onkel und ich kann kaum noch auftreten. Egal, nicht eure Sorge, auch wenn ich gerade zwischen Schmerz und von Eisbeuteln halb erfrorenen Ziepchen hin und her switche. Aber nun erzähle ich euch von einem mitreisenden Konzert in der Open Air Arena Leipzig Täubchenthal.

Zum Anheizen des Publikums hat Team "Skuff Barbie" die Bühne schonmal ziemlich geil gerockt.

Und dann kamen SIE - GROSSSTADTGEFLÜSTER - mit Texten über Dinge, die sie anscheinend telepathisch meinen Gedanken entnehmen konnten. Nicht alle der folgenden Lieder wurden heute gespielt aber im Kopf hallen sie trotzdem immer wieder.

Großstadtgeflüster in Leipzig Täubchenthal
"Ich boykotiere dich, Realitäterätäää."

Da ist sie wieder, diese Reibung zwischen dem, was die Welt von einem erwartet, und dem, was ich selbst irgendwie nicht in die vorgesehenen Schubladen sortiert bekomme/ bekommen will.

"Ich und mein verschenktes Potential."

Auch so ein Text, der hängen bleibt, weil ich selbst oft hängen bleibe. Wie oft hat man mir schon gesagt, was ich alles erreichen könnte, wenn ich mich zusammenreisen würde, besser strukturieren, anpassen, funktionieren. Ich glaube ja eher, das Problem bin oft nicht ich selbst, sondern eine Umgebung, in der das Potential sich einfach nicht entfalten, wachsen kann.

"Anpassungsstörung"

Klingt wie etwas, dass repariert werden müsste, weil es eine Abweichung vom Soll-Zustand darstellt.

Jeder Mensch wird in eine Tabelle eingeordnet: FUNKTIONIERT / DEFEKT

Aber vielleicht hat je die Gesellschaft die Anpassungsstörung? Was passiert denn mit Menschen, die anders denken, sensibler reagieren, stärker fühlen, anders wahrnehmen, nicht mit Routinen klar kommen?

Sie korrigieren sich irgendwann selber, zur Masse hin. Sie lernen:

Leiser zu sein.

Weniger öffentlich infrage zu stellen.

Nicht so oft anzuecken.

Ihre Gefühle zu verstecken.

Anderen nicht zu viel zu sein.

Und dann steht man da, hat sich so perfekt angepasst, dass man in tiefer Depression versinkt. Gerade bei ADHS fühlt sich dieser Spagat brutal hart an. Spagat war noch nie mein Ding. Auf der einen Seite ist dieses permanente innere Tempo der Gedanken, die alle gleichzeitig losrennen. Da sind Interessen, in denen ich komplett versinke, die mich quasi zeitweise komplett verschlucken. Unfassbare Energie, die plötzlich abrufbar ist, wenn ich für etwas brenne, während mir zehn Minuten später die einfachste Aufgabe (Staubsaugen, einen Anruf tätigen...) wie ein unüberwindbares Hindernis im Weg steht.

Auf der anderen Seite wieder eine Welt, die sagt:

Mach langsam.

Konzentrier dich doch mal.

Hör einfach mal zu.

Sei berechenbar!

Tja, vielleicht sollte man einem Feuer lieber beibringen, eine Zimmerpflanze zu sein, anstatt neurodivergente Menschen in neurotypische Strukturen zu pressen. Das wäre eventuell einfacher.

"Es geht mir alles viel zu schnell vorbei."

Was eigentlich total merkwürdig ist. Warum ist das Leben so rasend schnell und gleichzeitig so quälend langsam?

Manche Tage ziehen sich wie Kaugummi und plötzlich ist ein ganzes Jahr vorbei.

Menschen kommen und gehen, Kinder werden groß, Hunde werden alt, Orte verändern sich, man selbst verändert sich.

Und irgendwo zwischendrin versucht man ein möglichst großes Leben in eine viel zu kleine Zeit zu packen.

Und dann ist da noch die Liebe.

"Lass die Liebe in dir wohnen."

Denn die muss ich nicht von meiner Anpassungsfähigkeit abhängig machen. Die muss ich nicht als Belohnung sehen, die ich dafür bekomme, dass ich einmal alles richtig gemacht habe. Und dort beginnt Spiritualität. Nicht in großen Antworten, sondern in einfachen Erkenntnissen:

Liebe kann man geben, ohne sich zu verlieren und bekommen, ohne perfekt sein zu müssen.

Leicht gesagt, schwer getan. Erstaunlich schwer! Warum?

Weil wir geradezu dazu geschaffen sind, Dinge, die eigentlich ganz einfach sind, möglichst kompliziert zu machen. Warum denn einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Das größte Geschenk des Abend aber waren die

"1000 Tonnen Glück."

Nicht Leipzig, nicht das Konzert, nicht einmal das bekloppte Herumspringen auf einem Zeh mit Gelenkkapselentzündung. Das größte Geschenk war die Tatsache, dass ich gerade nichts beweisen musste. Einfach da sein, mit meinem Chaos, mit meinen Gedanken, mit meinem ADHS Gehirn, mit all meinen Widersprüchen, mit allem, was an mir oft zu viel ist. Aber ohne Hemmungen, ohne das Gefühl, dass alle komisch gucken.

Denn eines habe ich zwischenzeitlich gelernt: Anpassung ist für mich keine Heilung. Ich möchte auffallen, mit kaputtem Fuß tanzen, an meine Grenzen gehen, alle Wesen lieben. Ich möchte lieber zu viel fühlen, als irgendwann überhaupt nichts mehr.

Wenn das bedeutet, dass ich nicht in diese Welt passe, ist das doch nicht mein Problem. Dann muss die Welt einfach ein bisschen größer werden. Nicht nur für mich, sondern für alle, die sich einfach nur eines wünschen.

1000 Tonnen Glück!

Doch: "FUCK DA HINTEN GEHT DIE SONNE AUF..."


"Ach wie ich mein Sofa liebe, vor lauter Yoga komm ich nicht mehr zum Entspannen..."





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